„Miroloi“ von Karen Köhler

Eine Insel fernab von Strom, Bildungswesen and anderen Gepflogenheiten, die unsere Gesellschaft charakterisieren und für uns zum Alltäglichen zählen. Mitten in dieser Gruppierung von offensichtlich ursprünglichen Aussteigern mit eigens ausgedachten Regeln und Mentalitäten, existiert eine Ausgestoßene, die auf noch mehr Grundlegendes verzichten muss, als ihre Mitstreiterinnen nicht ohnehin in dieser abgeschottenen Gemeinschaft sollen. Eine Welt ohne Lesen und Schreiben zu lernen, ohne eigenen Besitz, ohne Aussicht auf Heirat und Kindern und plötzlich eröffnet das Schicksal ungeahnte Möglichkeiten und Wege für das Mädchen, der sie nicht einmal einen Namen schenken wollten.

„Der Wächter, der dich zermahlen kann in seiner Faust, der Wächter, der achtgibt, uns beschützt, nimmermüde, immerwach, ewigstark. Tausendfach besungen, beklagt, gepriesen.“

Seite 16

Alina, die dank ihrer unverhofften Bekanntschaft zu einem Namen kommt, wurde als Säugling ausgesetzt und kenn ihre leibliche Familie nicht und wird von Beginn an von (fast) jedermann verachtet und gemieden. Trotz der grausamen Ungerechtigkeiten, die dieses Mädchen täglich ertragen muss, scheint sie sehr fleißig und gut zu sein und empfindet tiefe Liebe zu ihrem Ziehvater und einer der Dorfältesten, die sich seit jeher um sie kümmern, das Kind gemeinsam großzogen und liebevoll behandeln. Die Tragik in Köhlers Hauptcharakter liegt vor allem in der Tatsache, dass Alina in keinster Weise Schuld an ihrem Schicksal ist und rein gar nichts für die große Verachtung, die alle anderen für sie empfinden, kann.

„Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand, solche Mütter gibt’s hier nicht.“

Seite 9

Neben Alina handelt es sich auch bei ihrem Ziehvater um einen sehr interessanten und vielseitigen Charakter. Trotz seiner prominenten Stellung als Betvater und seiner großen Verantwortung steht er zu seinem Findelkind und ermöglicht ihr (natürlich in im Rahmen der grausamen Gegebenheiten) ein annähernd glückliches Leben und behandelt sie gut. Entgegen der geltenden Regeln entscheidet er sich dem Mädchen das Lesen beizubringen und bereitet ihr damit große Freude und sorgt für Abwechslung in Alinas zumeist sehr eintönigen und trostlosen Alltag.

Karin Köhler grenzt sich mit ihrem Schreibstil ganz klar von der Masse ab, ist eine Meisterin des Wortspiels und jongliert mit Konstellationen von Nomen und Adjektiven, die stellenweise fast den Eindruck einer eigens kreierten Sprache vermitteln. Es dauert einige Seiten um sich an die Sprache der Autorin zu gewöhnen, allerdings bin ich ihr sehr schnell verfallen und habe sie für ausgesprochen spannend befunden. Sehr originell ist auch der Aufbau des Romans, der wie in Strophen eines sogenannten „Mirolois“ (=Totenlieds) der Protagonistin strukturiert wurde.

„Er hat schon die roten Flecken an der Körperunterseite und hinter dem Ohr. Wir nennen sie Todesrosen, sie blühen schon kurz nach dem Sterben auf.“

Seite 280

Achtung Spoiler

Alina ist die Ausgestoßene und wird von fast allen Mitgliedern ihrer kleinen und begrenzen Welt gehasst. Sie wird entweder verachtet und ignoriert oder von anderen aktiv beleidigt und gequält. Ein Leben wie jenes der anderen Frauen (wenn auch sehr eingeschränkt) wird ihr für immer verwehrt bleiben. Ich danke Karin Köhler für ihre Entscheidung, dieser bemitleidenswerten jungen Frau eine Chance auf ein wenig Glück und junge Liebe zu geben. Die Liebesgeschichte des Findelkindes und des eigentlich frommen Betschülers ist geprägt von körperlicher Befriedigung, eine Lust die sich beide nur gegenseitig verschaffen können (weil ihnen Beziehungen aufgrund gesellschaftlicher Regeln versagt werden) und gleichzeitig von gegenseitigem Verständnis und etwas holpriger Unschuld und Unvoreingenommenheit. Ich war und bin nach wie vor erschüttert von dem grausamen Ende, dass der im Grunde seines Herzens aufrechte junge Mann erledigen musste – weil er sich entschied einem völlig natürlichen Trieb nachzugeben und sich auf ein so zu Unrecht gequältes liebenswertes Mädchen einzulassen und zu lieben. Alina zerbricht fast an der allumfassenden Trauer über den Tod ihres Liebhabers, der nicht nur das Ende einer Beziehung, sondern auch das Ende ihrer Untergebenheit und ihres Verständnisses für die Regeln dieser Gesellschaft nach sich zieht.

Fazit

„Miroloi“ ist ein Roman der besonderen Art und kann mit keinem meiner bisher gelesenen Werke verglichen werden, was mir persönlich ganz besonders imponiert und weshalb mir gerade dieses Buch bestimmt in Erinnerung bleiben wird. Neben der sehr speziellen, aber durchaus schönen und faszinierenden Sprache, der sehr eigentümlichen und düsteren Atmosphäre hat Karin Köhler auch einen außergewöhnlichen Hauptcharakter kreiert.

„Warum hat mich meine Angst vor dem Pfahl, meine Angst vor dem Angstmann nur so lange von so vielem abgehalten? Weil ich denSchermz eines Knüppels kenne?“

Seite 403

Die Autorin spricht im Rahmen ihrer skurrilen Erzählung einige prekäre Themen unserer Gesellschaft an. Mit Unterdrückung und Diskriminierung sehen sich die Frauen der fiktiven Welt des Romans tagein tagaus konfrontiert und sogar das Lesen und Schreiben bleibt ihnen verwehrt. Als selbstbewusste und eigenständige Frau bereitet es fast körperliche Schmerzen zu lesen in welch einer patriarchalischen Welt die weiblichen Bewohner der Insel leben müssen. Am schlimmsten an der behandelten Thematik des Buches ist, dass einige Frauen dieser Welt nach wie vor in einer Situation wie dieser ihr Dasein fristen und sich den Gegebenheiten und Regeln unterwerfen müssen um ihr eigenes Überleben zu sichern. Es kann nicht genug Bücher geben, die auf diese Problematik hinweisen und zur Priorisierung dieser Themen in der Gesellschaft beitragen.

Karin Köhler hat zielsicher einen Nerv getroffen und einige Diskussionen rund um ihren Schreibstil und Sprache, Aufbau des Romans und behandelte Themen entfacht. Die Meinungen zu „Miroloi“ gehen sehr stark auseinander und ich würde den Roman als polarisierend bezeichnen. Entweder man verfällt Karin Köhlers Schreibstil und der vermittelten Stimmung und kleinen Inselwelt oder man kann sich mit der Sprache nicht arrangieren und wird vom Buch enttäuscht sein –es gibt nicht viel dazwischen. Ich gehöre zu den Fans dieses Romans und empfehle jedem Leser, der Lust auf Neues verspürt und sich an etwas Unkonventionelles heranwagen möchte „Miroloi“ eine Chance zu geben und sich auf den Stil der Autorin einzulassen – man wird mit einer außergewöhnlichen Geschichte zu sehr relevanten Themen belohnt.

(verfasst von Simone)

Buchinformationen

 Karen Köhler – „Miroloi“, Hanser, 464 Seiten, ISBN-13: 978-3446261716 

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