„Das Dschungelkind“ von Sabine Kuegler

Sabine ist das Kind deutscher Sprachenforscher, die ihr Leben der Erforschung diverser Eingeborener mit ihrer speziellen Lebensweise, ihrer eigenen Sprache und ihrer Ideale und Werte verschrieben. Gemeinsam mit ihren beiden Geschwistern und Eltern erlebt das Mädchen eine magische Jugend inmitten malerischer Natur und einem sehr aggressiven und wenig fortschrittlichen Volk das Stück für Stück erkennt, dass nicht Brutalität, Rache und Gewalt, sondern Werte wie Liebe, Zusammenhalt und Vergebung der Schlüssel für ein glückliches und zufriedenes Miteinander sind.

Das Buch behandelt vorrangig die Zeit Sabines und ihrer Eltern bei dem Volk der Fayu. Neben der faszinierenden Schilderung der Sitten des von der Außenwelt nahezu abgeschnittenen Stammes, sind vor allem die einzigartigen Beschreibungen zum Dschungel und seiner tierischen Einwohner hervorzuheben. Wahrscheinlich sind die beschriebenen Eindrücke auch deshalb so anregend und die heraufbeschworenen Bilder so bezaubernd, weil sie von Sabine als Kind wahrgenommen und als Erwachsene niedergeschrieben und auf Papier gebracht wurden.

„Still hockte sie in der Mitte ihres Spinngewebes, als ob sie auf etwas lauerte. Ich näherte mich ganz langsam mit dem Plan, einen der weißen Fäden anzufassen und ihn vom Gebüsch abzuziehen. Der Faden war aber so stark, dass es mir nicht gelang, ihn mit den Händen durchzureißen.“

Seite 119

Besonders berührt hat mich Sabine Kueglers Darstellung ihres eigenen Vaters, der trotz einiger Ungerechtigkeiten und schwierigen Situationen dazu im Stande zu sein scheint einen kühlen Kopf zu bewahren und den Stammesmitgliedern einen liebevollen Umgang vorzuleben. Seine durch gegenseitiges Verständnis und Respekt geprägten Handlungsweisen färben nach anfänglicher Verwirrung auf die Fayu ab, die von so viel Großzügigkeit fasziniert sind. Ein Volk das sich seit Jahren bekriegt und ihre eigene Zahl durch gegenseitiges Abschlachten drastisch verringerte, ist müde von all der Angst und dem Hass und sehnt sich nach Harmonie und einem friedvollen Miteinander. Allerdings haben sie genau diese Werte nie gelernt und brauchten Außenstehende, die bei der schrittweisen Verbesserung unterstützen und Neues vorleben.

„Darauf wurde Teau einen Moment ganz still, dann schaute er Papa an und sagte: „Weißer Mann, seit du hier bist, ist Hoffnung in meinem Herzen. Ich möchte nicht mehr Krieg führen und Menschen umbringen. Bitte komm wieder.““

Seite 84

„Auch Papa wurde ein paar Mal angegriffen. Ein junger Mann wurde einmal wütend auf ihn, nahm kurzerhand seinen Bogen, spannte einen Pfeil und zielte. Da tat Papa etwas Unerwartetes. Er ging einfach direkt auf den Fayu zu und umarmte ihn. So etwas hatte man noch nie gesehen!„

Seite 124

Achtung Spoiler

Einen geliebten Menschen zu verlieren, ist eine sehr schwierige und tieftraurige Situation und man kann leicht nachvollziehen wie hart Sabine Kuegler von dem Tod ihres Ziehbruders Ohri getroffen wurde. Dieses einschneidende Erlebnis brachte den deutschen Teenager völlig aus der Fassung und führte zum Abbruch ihres Lebens im Dschungel bei den Fayu. Neben der großen Trauer der Familie hat mich aber auch generell das Schicksal von Ohri stark berührt. Der Fayu-Junge wurde bereits in jüngsten Jahren verstoßen und ausgesetzt, musste mit seiner Behinderung kämpfen und starb fast an den Konsequenzen einer Bestrafung, die er sich zuzog weil er einen bestimmten Teil eines Krokodils verzehrte, der bei den Fayus als schlecht galt. Neben all den Qualen und Ungerechtigkeiten konnte er wenigstens einige gute Zeit bei Sabine und ihrer Familie verbringen, die ihn liebten und akzeptierten.

Sehr ernüchternd war für mich persönlich das Ende des Buches in dem Sabine Kuegler von ihren massiven psychischen Problemen und ihrer Tragweite erzählt. Es hat mich tief erschüttert in welch trübsinniger Stimmung sich die Autorin als Erwachsene befand und wie vielen Jahren es bedarf um die eigene Labilität und Depression sowie Suizidgedanken dauerhaft zu überwinden. Eine Jungend wie diese Deutsche sie erleben durfte, bringt scheinbar (wenn auch geprägt durch unfassbar schöne Momente und starke Familienbande und nahezu frei von Konsum und Oberflächlichkeit) weitgreifende und ernstzunehmende Konsequenzen auf das anschließende Leben in der zivilisierten modernen Welt mit sich.

„Als ich unter das Moskitonetz schlüpfte, fühlte ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit glücklich. „Ja“, dachte ich mir, „hier gehöre ich hin“. Und mit diesem Gedanken schlief ich ein.“

Seite 263

Fazit

„Das Dschungelkind“ wurde mir empfohlen und ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit einen Einblick in die faszinierende Geschichte eines deutschen Mädchens und ihrer Familie bekommen zu haben. Neben einigen wissenswerten Fakten und Details zum Dschungelleben bietet das Buch auch eine Vielzahl an romantischen Beschreibungen zu der faszinierenden Tier- und Pflanzenwelt. Sabine Kuegler nimmt kein Blatt vor dem Mund erzählt neben all der Romantik und wunderschönen Erfahrungen auch die bittere Wahrheit über ihr Leben als Erwachsene und junge Mutter, die sich in der modernen Welt anfänglich nicht zurecht zu finden scheint. Ich bin beeindruckt von so viel Mut auch die Kehrseite des ehemaligen Leben in Mitten der Fayus unverfroren preis zu geben.

Sabine Kuegler bietet mit ihrem autobiographischen Buch eine sehr kurzweilige und interessante Lektüre bestückt mit einigen wissenswerten Fakten. „Das Dschungelkind“ hat mich nicht nur ausgezeichnet unterhalten (ich konnte das Buch nicht weglegen und habe es in einem Rutsch ausgelesen), sondern auch sehr berührt und mir etliche Denkanstöße geboten.

(verfasst von Simone)

Buchinformationen

 Sabine Kuegler – „Das Dschungelkind“, Knaur TB, 367 Seiten, ISBN-13: 978-3426778739 

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