„Quecksilber“ von Amelie Nothomb

Die junge Hazel, gerät in einen Bombenangriff und wird bei diesem Schicksalsschlag schrecklich entstellt. Sie fristet seit diesen Vorkommnissen, bei welchen Sie ihre gesamte Familie verlor, ihr Dasein bei dem ehemaligen Weltmeer-Kapitän Loncours, der sie und ihre Hässlichkeit versteckt und sie hütet wie seinen Augapfel. Die Art der Unterbringung des Mädchens erinnert eher an ein Gefängnis als an eine Zuflucht und die neu gewonnene Freundschaft der Krankenschwester, die eigens für ihre Betreuung eingestellt wurde, scheint der einzige Lichtblick im tristen Alltag Hazels zu sein.

Klassisch für Amelie Nothombs nicht autobiographische Bücher versetzt „Quecksilber“ in eine eher düstere und hoffnungslose Stimmung. Die Protagonisten sind nicht sympathisch, sondern eher speziell, etwas verschroben und in vieler Hinsicht nicht kommerziell. Die Autorin schafft keine mit gängigen Charaktereigenschaften ausgestatteten „Allerwerts-Figuren“, in welche sich möglichst große Lesergruppen hineinversetzen und mit denselben identifizieren können. Im Vordergrund steht die Kreation von fabelartigen Geschichten rund um skurrile und eigenartige Romanfiguren und ihre verworrenen und krankhaften Gedankengänge und Verhaltensweisen.

„Unter Männern und Frauen ist nichts ungleichmäßiger verteilt als die Anmut. Ich habe nur zwei junge Mädchen gekannt, in denen sie sich abzeichnete.“

Seite 141

Die Sprache in „Quecksilber“ ist so wie in (fast) allen Büchern von Amelie Nothomb geprägt von ihrer speziellen und oft unerwarteten Wortwahl und einer unverwechselbaren Raffinesse. Im Gegensatz zu einigen anderen Werken bedient sich die Autorin in „Quecksilber“ nicht unzähliger (sehr ungeläufiger) Fremdwörter, was das Lesen natürlich sehr erleichtert und hier im Speziellen positiv auffällt.

Achtung Spoiler

Amelie Nothomb setzt sich auch in diesem Roman mit dem Thema der Schönheit und ihrer subjektiven Betrachtung auseinander und lässt erneut krasse Gegensätze aufeinanderprallen. Einerseits das ungleiche Paar des gealterten und schwachen Kapitäns, der sich an der atemberaubend schönen Hazel ergötzt und von ihrer Schönheit schier berauscht wird. Auf der anderen Seite denkt das junge Mädchen, dass ihr Gesicht so entsetzlich entstellt ist, dass sie anderen Menschen ihren grauenhaften Anblick unbedingt ersparen will. In Wahrheit ist Hazel nicht nur ansehnlich oder einfach durchschnittlich attraktiv, Amelie Nothomb verleiht ihr sogar eine zauberhafte optische Erscheinung, die ihren Mitmenschen den Atem raubt und jeden augenblicklich verzaubert.

„Was mich wahnsinnig macht, ist, daß er es fertigbringt, mich zu begehren. Was für ein Unhold muß einer sein, um mit einem Mädchen schlafen zu wollen, dessen Gesicht nichts Menschenähnliches mehr hat?“

Seite 7

Amelie Nothomb konnte sich offensichtlich nicht festlegen und bietet ihren Lesern die Auswahl zwischen zwei verschiedenen Enden. Ich war sehr überrascht festzustellen, dass sich auch die Autorin nicht für einen bestimmten Werdegang ihrer Romanfiguren entscheiden konnte und ihre Unentschlossenheit mit ihren Lesern teilt. Beide Varianten bieten ihre Vor- und Nachteile und ergeben im Rahmen der Geschichte und Handlung natürlich Sinn, allerdings werde ich (wahrscheinlich basierend auf meinem Naturell als sehr freiheitsliebender Mensch) immer ein Ende außerhalb der Mauern des ursprünglichen Gefängnisses bevorzugen. Abgesehen davon, bin ich der Meinung, dass jeder ein Recht auf die Wahrheit hat und Hazel viel zu lange Zeit in dem Glauben gelassen wurde entstellt und so hässlich zu sein, dass ihr Anblick kaum ertragen werden kann. Ich bin allerdings sehr zufrieden mit der Tatsache, dass so oder so der Kapitän seinen Tod findet und es ihm in weiterer Folge nicht gelingen wird der armen Hazel weiterhin Leid zuzufügen.

„Die Dienerinnen steigen in den Fluß. Jede nahm eine der unzähligen Haarsträhnen, befeuchtete sie bis an die Wurzeln, rieb sie mit den Fingern der Länge nach mit kostbarem Kampfer- und Ebenholzpuder ein und spülte sie in der Strömung.“

Seite 85

Fazit

Ich gebe ja zu, dass ich als leidenschaftlicher und langjähriger Amelie-Nothomb-Fan wahrscheinlich etwas befangen und sehr großzügig mit meinem Lob für ihre Werke bin, aber auch ganz objektiv betrachtet, handelt es sich bei „Quecksilber“ wirklich um ein interessantes Buch, das sich von der Masse abhebt. In meinen Augen waren die Wendungen sehr unerwartet und auch mit der Entwicklung der Figuren und ihren Reaktionen hätte ich nicht gerechnet. Die Autorin schafft es jedes Mal zu verblüffen, trotz durchaus natürlichen und realistischen Verhaltensweisen ihrer Figuren sind viele Facetten nicht vorhersehbar, woraus natürlich eine große Spannung und Lesegier resultiert. Zurück lässt mich die Autorin wieder sowohl fasziniert als auch verblüfft und etwas angewidert von den tiefsten Abgründen des menschlichen Seins – wer noch keines der Bücher von Amelie Nothomb gelesen hat, sollte ganz dringend so schnell als möglich damit anfangen (Quecksilber eignet sich bestimmt ganz gut als Einstiegs-Werk) 😉

(verfasst von Simone)

Buchinformationen

 Amelie Nothomb – „Quecksilber“, Diogenes, 176 Seiten, ISBN-13: 978-3257233827 

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