„Swinging Bells“ – von René Freund

Der Spätsommer hat gerade erst dem goldenen Herbst Platz gemacht, schon findet man in den Bücherregalen bereits den ersten Titel, der uns auf die Vorweihnachtszeit einstimmt. Vom Cover, das mit Tannenbäumen und Weihnachtsschmuck verziert ist und dem vielsagenden Titel, darf man sich aber nicht täuschen lassen, das Buch ist auch im Oktober sehr unterhaltsam zu lesen.

Schöne Bescherung. Sandra und Thomas haben beschlossen Weihnachten heuer in aller Zweisamkeit zu Hause zu verbringen. Bisher sind sie von einer Familie zur nächsten gehetzt und die Feier war untermalt von den alljährlichen Streitereien und somit nicht sehr besinnlich. Doch dieses Jahr sollte alles anders werden. Die einzige Verpflichtung des Tages ist, dass ihr zum Verkauf inseriertes Bett an diesem Abend abgeholt werden sollte. Dies ist war zwar eine lästige Erledigung, sollte aber nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen. Zum vereinbarten Zeitpunkt läutet es an der Tür. Die Käufer stellen sich als Leo und Elisabeth vor. Als Sandra die beiden gleich zum Doppelbett im oberen Stock führen will, machen diese es sich erstmal im Wohnzimmer gemütlich. Man sollte ja schließlich nichts überstürzen.  Sandra und Thomas wollen nicht unhöflich sein und trinken mit ihren ungebetenen Gästen, etwas skeptisch, den mitgebrachten Prosecco.  Das Zusammentreffen der zwei Paare verläuft kurios, schlagartig ist man mitten im Verwechslungsgeschehen.

Zu Beginn bietet das Buch eine skurrile Beziehungskomödie, zum Ende hin eine kritische Auseinandersetzung mit den Themen Liebe, Sex, Wünschen und Verdrängen. 

„Wisst ihr, wie ihr es schafft, ewig zusammenzubleiben? …Die Antwort mag banal klingen, aber sie stimmt. Wenn ihr für immer zusammenbleiben wollt, dann trennt euch einfach nicht.„

Seite 181

Achtung Spoiler

Die Paare könnten unterschiedlicher nicht sein. Sandra und Thomas führen eine etwas spießige monogame Beziehung und scheinen sich im Laufe der Jahre auseinandergelebt zu haben. Elisabeth und Leo sind sexuell aufgeschlossen und verabreden sich gelegentlich mit Pärchen um einen aufregenden Abend zu verbringen. Das war auch der ursprüngliche Plan für Heilig Abend. Ein kleiner Irrtum durchquert ihr Vorhaben und schon sitzen sie zu viert auf der Couch der prüden Gastgeber. Ehe man sich´s versieht und den Irrtum erkennt – schließlich geht es allen Anwesenden um Bettgeschichten – sind wir auch schon mittendrin. Vom Alkohol schon leicht beschwingt beginnen die Vier ein brisantes Fragespiel über sexuelle Erlebnisse, Erwartungen und persönliche Leidenschaften. Die Dialoge wechseln zwischen humorvoll und ernst – Gesprächen mit Tiefgang, oberflächlichem Geplänkel und gegenseitigen Sticheleien. Thomas und Sandra fühlen sich sichtlich unwohl. Die Distanz, die sich all die Monate zwischen ihnen entwickelt hat und bislang Unausgesprochenes kommt langsam zum Vorschein.

Das Buch liest sich zeitweise wie ein humorvoller Ratgeber rund um das Thema Partnerschaft. Danach stellt man sich unweigerlich die Frage: Wie sieht das ideale Beziehungsmodel aus? Vergleicht man die zwei Paare miteinander, muss man zugeben, dass die Spießer am Ende gar nicht so aalglatt sind und die Freidenker eine durchwegs aufrechte Beziehung führen.

 „Dass Eifersucht kein eigenes Gefühl ist. Nicht wie Liebe. Eifersucht setzt sich zusammen aus Kontrollverlust, Rachsucht, Selbstmitleid, Besitzdenken, kindlichen Verlassenheitsängsten und, und, und. „

Seite 184

Die Beschreibung der Personen bleibt oberflächlich, da es vielmehr um die Beziehungen zueinander geht und man aus diesen bereits einige Rückschlüsse auf die Charaktere ziehen kann. Leo und Elisabeth sind mir auf Anhieb sympathisch, obwohl sie ihre Wünsche und Phantasien offen ausleben, führen sie eine innige und ehrliche Partnerschaft. Sandra, die Religionslehrerin hat klischeehaft eine heuchlerische Einstellung und Vorurteile gegen die liberale Auffassung von Lebensgemeinschaften. Die Kluft zwischen Sandra und Thomas ist erst im Laufe der Jahre entstanden. Irgendwann haben sie aufgehört über ihre Erwartungen zu sprechen. Thomas hat das Offensichtliche verdrängt und so haben beide über Monate den Schein gewahrt, bis dieser Abend alles Ungesagte und alle Lügen aufdeckt.

„Mein Gott, was wir alles denken und uns ausmalen, und wir tun es nicht! Gott sei Dank! Wir müssen ein Gleichgewicht halten … Es kann einfach selbstzerstörerisch sein, allen seinen Impulsen zu folgen. So was machen nur Kleinkinder.„

Seite 100

Wohl auch nicht zufällig wurde als Kulisse der Heilige Abend, für einige das Fest der Pseudoromantik und Heuchelei ausgewählt um endlich reinen Tisch zu machen. Obwohl das Ende nicht ganz meinen Erwartungen entsprochen hat – insgeheim habe ich auf ein spannenderes Finale gehofft – habe ich mich über die Auflösung der Unwahrheiten gefreut und war ein klein wenig schadenfreudig über die Beichte der scheinheiligen Sandra.  

„Ruhig wird das Herz erst, wenn wir geworden sind, was wir sein sollen.“

Seite 186

Gut gefallen hat mir der Umgang mit Vorurteilen in Bezug auf andere, liberalere Beziehungsmodelle und die offene Frage nach der gelungenen Liebe. Das Buch gibt keine endgültige Antwort, durch die verschiedenen Rollen bekommen wir aber kleine Einblicke und anregende Denkanstöße. Was sind meine Erwartungen an eine Beziehung? Wieviel bin ich bereit dafür zu geben? Ist eine Beziehung mit Treue und Ewigkeitsanspruch vereinbar mit unseren inneren Sehnsüchten?

„Sich hinzugeben. Ist fast ein bisschen wie sterben. Die meisten Menschen verweigern sich dem Leben, weil sie nicht sterben wollen. Aber sie verpassen dabei das Wesentliche.“

Seite 180

Fazit

Mich hat das Buch insgesamt gut unterhalten. Über die Verwirrungen zu Beginn des Buches musste ich mehrmals laut auflachen. Darüber hinaus regt es zu neuen Gedankengängen an. Dabei ist es kein Plädoyer für die offene Beziehung, sondern hinterfragt die Reife des Menschen im 21. Jahrhundert, seine Wünsche und Emotionen auszusprechen und frei zu leben. 

Ich denke nur Leser ohne Vorurteile, werden die Message dieses Buches verstehen, das unsere Werte auf lustige Weise in Frage stellt.

(verfasst von Manuela)

Buchinformationen

–> dieser Titel wurde von dem Verlag Deuticke als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt

René Freund - "Swinging Bells", Deuticke, 192 Seiten, ISBN: 978-3552064058

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