„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Harper Lee bietet Einblicke in die amerikanische Südstaaten-Gesellschaft der 30er aus der Sicht der zwei Kinder Scout und Jem, die tagein tagaus mit brutalen Vorurteilen und allgegenwärtigem Rassismus konfrontiert werden. Ihr Vater Atticus, versucht den beiden Heranwachsenden seine eigene offene Weltanschauung und seinen Sinn für Gleichheit näher zu bringen und kämpft im Bereich seines Möglichen gegen die Ungerechtigkeiten ihres Alltags.

„Sie können´s ja nicht wissen, aber mit der Zeit werden Sie schon alle Leute hier kennenlernen. Die Cunninghams nehmen nichts an, was sie nicht zurückzahlen können, keine Wohltätigkeitskörbe von der Kirche und auch keine Gutscheine. Sie haben noch nie was von anderen angenommen. Sie haben zwar nicht viel, aber sie kommen damit aus.“

Seite 38

Erzählt wird unter anderem das mitreißende Schicksal eines zu Unrecht verurteilen schwarzen Mitbürgers als Kindheitsgeschichte zweier weißer Anwaltskinder. Harper Lee lässt Scout, als unschuldiges und charismatisches weißes Mädchen in der Ich-Form die Vorkommnisse und ihr Leben schildern und besticht durch eine einfache und gängige Sprache, die einen steten Lesefluss ermöglicht. Scout ist ein sehr charmantes und tollpatschiges Mädchen, das am liebsten mit ihrem Bruder spielt und nicht viel von damenhaften Verhaltensweisen und Etikette hält. Ihr Bruder Jem ist ein aufgeweckter und reflektierter heranwachsender Junge, der ebenso wie sein Vater gerne Anwalt werden möchte um Unschuldige zu vertreten. Harper Lee wählte sehr sympathische und ansteckend offenherzige Charaktere für ihre Protagonisten im Kindheitsalter.

Achtung Spoiler

„Wer die Nachtigall stört“ ist ein sehr aufwühlender Roman und keine leichte Kost, einige Teile des Romans berühren und stoßen zum Nachdenken an. Eine bestimmte Szene empfand ich persönlich aber als besonders rührend und wird mir wohl noch für längere Zeit in Erinnerung bleiben. Nach Toms Gerichtsverfahren wird Atticus von seinen schwarzen Mitbürgern mit Geschenken (zu meist diversen selbstgemachten Gerichten und Backwaren) und Dankesbekundungen überhäuft. Er wird quasi belohnt für etwas das selbstverständlich sein sollte – eine ordentliche und gut durchdachte Vertretung eines Mandanten (völlig unabhängig von der Herkunft und Hautfarbe). Besonders an der anwaltlichen Vertretung des Unschuldigen ist lediglich die Tatsache, dass sowohl Scout und Jem als auch Atticus als Konsequenz der Bemühungen im Rahmen der Verhandlung selbst unter Beschuss einiger rassistischer Mitbürger stehen und in Gefahr sind.

„Wenn ihr beide einmal erwachsen seid, werdet ihr vielleicht mit etwas Barmherzigkeit auf das Ganze zurückblicken und begreifen, dass ich euch nicht im Stich gelassen habe. Dieser Tom-Robinson-Fall ist eine Sache, die an die Wurzeln des menschlichen Gewissens rührt Scout, ich könnte nie mehr in die Kirche gehen und zu Gott beten, wenn ich nicht versuchte, diesem Mann zu helfen“

Seite 170

Beeindruckend ist in Mitten aller Ungerechtigkeiten als Ausfluss tiefsitzenden Hasses und Rassismus die tolerante und offenherzige Erziehung des Vaters, einem Idealisten, der keinerlei Andersbehandlung von armen oder andersfarbigen Mitbürgern toleriert und stets versucht seine Kinder zu eigenständigen, vorurteilslosen und weltoffenen Menschen zu erziehen. Hängen bleibt der Hinweis des Anwalts Atticus gegenüber seiner Tochter Scout, sie solle sich öfters in die Lage ihres Gegenübers versetzen und mit Hilfe dieses „Tricks“ wäre das (oftmals auf den ersten Blick falsche oder schlechte) Verhalten des anderen besser nachzuvollziehen und vielleicht sogar zu verstehen.

„Das Gericht hatte Atticus zum Pflichtverteidiger des Negers bestimmt. Atticus wollte ihn wirklich verteidigen. Und das war es, was ihnen nicht schmeckte? Ich wurde einfach nicht schlau aus der ganzen Geschichte“

Seite 261

Die teilweise unbeholfene und unvoreingenommene Auffassung und Einstellung des Jungen und seiner Schwester zu diversen Vorkommnissen und Regeln helfen dabei die Absurdität der grausamen Ächtung und Andersbehandlung der Farbigen zu untermauern. Das ständige In-Frage-stellen diverser Ungerechtigkeiten betont, dass es keinerlei plausible Gründe dafür gibt, andere Menschen aus irgendeinem Grund schlechter zu stellen.

Fazit

Harper Lees Klassiker „Wer die Nachtigall stört“ steht zu recht auf unzähligen „Must-Read“-Listen und bietet einen schonungslosen Eindruck in die brutalen und ungerechten Zustände der 30er und den noch bis heutige allgegenwärtigen Rassismus in einer Welt, die wir alle unser Zuhause nennen. Die Autorin verdient für die fabelhaft umgesetzte Behandlung eines so schwierigen und seit Menschengedenken problematischen Themas in einer wirklich fesselnden und anschaulicher Geschichte zweier Kinder die größte Anerkennung. Jeder sollte sich dieses weltbekannte Meisterwerk zu Gemüte führen und das Schicksal von Tom, einem unschuldigen Opfer von absurden Regeln und Hass auf sich wirken lassen.

(verfasst von Simone)

Buchinformationen

 Harper Lee – „Wer die Nachtigall stört“, Rowohlt Taschenbuch, 448 Seiten, ISBN-13: 978-3499217548 

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