„Das Böse“ von Reinhard Haller

Wir durften am 14. November bei der Lesung zu „Das Böse“ in der Buchhandlung Heyn dabei sein. Das Buch hat uns dermaßen in den Bann gezogen, dass wir dasselbe bereits vor dem Event in einem Stück durchgelesen haben. Der Tipp des Autors, sich dieses scheibchenweise zu Gemüte zu führen, kam für uns leider zu spät… 😉

Die Definition des Bösen ist schwierig. Herr Professor Haller hat in dieser Lektüre anhand seiner Erfahrungen, die möglichen Ausprägungen und Ursachen dessen beschrieben.  Der Leitgedanke des Buches, wie das Böse gemessen werden kann, zieht sich wie ein roter Faden durch das Sachbuch. Dabei beschäftigt uns auch die Frage, ob das Böse in uns allen steckt und unter welchen Umständen dieses an das Tageslicht durchdringen kann. Kann eine gewalttätige Umwelt das Menschliche in uns dermaßen zerstören, dass wir im Stande sind unserem Gegenüber etwas anzutun? Der Leser bekommt einen Einblick welche Situationen das Böse im Menschen erwecken. Dabei geht es dem Autor nicht darum, die Abscheulichkeit der Tat hervorzuheben, sondern zu ergründen, wie es zu dem Verbrechen gekommen ist. Es wird des Öfteren die Opfer/Täter-Beziehung sowie die Umwelt analysiert. Wir erfahren anhand der einzelnen Fallbeispiele fast spürbar welcher stetig wachsende innere Leidensdruck dem Täter zum Verhängnis wurde.

Achtung Spoiler

Prof. Haller beschreibt die verschiedenen Charaktereigenschaften von Tätern bzw. spezielle Charaktertypen und man kann abhängig von der jeweiligen Form des Verbrechens bestimmte Muster erkennen. Als Motive werden unter anderem krankhafte Veranlagungen, traumatisierende Erlebnisse und vor allem Kränkungen erwähnt. Kränkungen sind laut Prof. Haller einer der sowohl am meisten unterschätzten aber auch gefährlichsten Auslöser für Verbrechen. In seinem Buch „die Macht der Kränkung“ haben wir bereits einen wachrüttelnden Einblick in dieses Thema erhalten. Demnach können bereits kleinste kränkende Ereignisse weitreichende Folgen nach sich ziehen. Der Psychiater vergleicht dieses Phänomen gerne mit dem Schmetterlingseffekt und meint damit die langfristige Auswirkung auf ein System durch beliebig kleine Ursachen. In diesem Zusammenhang ist mir ein Beispiel in Erinnerung geblieben, bei dem das Schweigen des Ehemanns letztendlich dazu geführt hat, dass seine Frau ihn mit dem Messer erstochen hat. Schweigen ist eine sehr kränkende Form der Kommunikation, in der man zum Ausdruck bringt, dass das Gegenüber keine Silbe Wert ist. Reden ist Silber Schweigen ist Gold trifft hier leider nicht zu.

Anders als diese Tat, die im Affekt ausgeübt wurde, werden auch einige Beispiele genannt, bei denen der Mord unter vollem Bewusstsein geplant wurde. Letztere Tätergruppe ist oft mit einem geringen Maß an Empathie ausgestattet. Diese Fälle sind für uns besonders befremdlich, da der Täter meist keine Reue empfindet. Fehlende Empathie beschreibt der Autor als einen besonders großen Einflussfaktor auf das Böse im Menschen. Dies trifft vor allem bei Serienkillern zu. Des Öfteren betont der Autor, dass diese die größten Psychologen, hochintelligent und charmant sind und verweist auf Beispiele wie den Prostituiertenmörder Jack Unterweger, der als äußert attraktiver und charismatischer Mann galt. Diese Aussage erinnert uns auch an, den uns allen bekannten Film „Das Schweigen der Lämmer“, der die Zuseher besonders durch den überdurchschnittlich intelligenten Hauptprotagonisten schockierte. Für mich persönlich war dies eines der Kapitel, die mich am meisten erschüttert haben, da ich diese Tätergruppe, wegen der fehlenden Reue, am bedrohlichsten wahrgenommen habe.

In letzter Zeit wurde ein bedenklicher Trend hin zu school shootings und Beziehungstaten festgestellt. Als Motiv beider Ausprägungen wurde eine tief sitzende Kränkung festgestellt. Die Antwort darauf sind Taten, bei welchen der Mörder ernst und wahr genommen werden will und noch einmal den Triumpf erfahren will wichtig zu sein. Diese Entwicklung, als Auswirkung gesellschaftlicher Schwächen in der Kommunikation und Wertschätzung, regt zum Nachdenken an.

Ein Teil des Buches ist auch der Entmachtung des Bösen gewidmet. Das Böse kann bereits mit der Erziehung unter Berücksichtigung der drei Z, Zuwendung, Zärtlichkeit, Zeit, entmachtet werden. Ein weiterer wichtiger Faktor ist Lob, ein Zeichen der besonderen Wertschätzung des Gegenübers, mit welche wir heutzutage sehr geizig umgehen.

Das Buch gibt einen runden Überblick über das Thema. Obwohl es ein Sachbuch ist und auch viele theoretische Überlegungen enthält, werden diese durch die praktischen Beispiele bildhaft dargestellt. Der Gerichtspsychologe Dr. Haller erschlägt in diesem Buch nicht mit seinem Fachwissen, sondern hat es geschafft dieses auf spannende Weise für uns aufzubereiten. Die Ausführungen und Auslegungen der verschiedenen Fälle wirken lange nach. Abermals wird uns ein Denkanstoß zum Thema Kränkung und deren fatale Auswirkung mitgeliefert. Oft ist man sich bestimmter Aussagen und Handlungen bzw. Nicht-Handlungen (fehlende Wertschätzung) nicht bewusst. Wie bereits bei den vorangegangenen Bestsellern des Psychotherapeuten überzeugt auch dieses Buch durch das Geschick des Autors komplexe Sachverhalte volksnah zu schildern.

Fazit

Diese Lektüre ist keine leichte Kost, die Fallbeispiele haben mich einige Male dazu gebracht, das Buch erschrocken aus der Hand zu legen. Sehr aufschlussreich waren Prof. Hallers Analysen der Täter und die Schlüsse die aus den Handlungen der Menschen und deren Persönlichkeit gezogen wurden. Obwohl ich bereits „Die Macht der Kränkung“ und „Das Wunder der Wertschätzung“ von Prof Haller gelesen habe und den Autor bei der Lesung zu „Das Böse“ in Klagenfurt kennen lernen durfte, bin ich immer wieder beeindruckt von der Menschlichkeit und Professionalität, die er den Verbrechern entgegenbringt. Man hat den Eindruck, dass er jeden Fall wertfrei analysiert, die eigenen Emotionen abgrenzt und den Täter aus einer wissenschaftlichen Brille betrachtet, bei der es einzig darum geht, den Hintergrund der Tat unter Berücksichtigung des sozialen Umfelds herauszufinden. Selbst für mich als Leser war dies nicht immer einfach. Ich habe mir zu jeder Tat eine Meinung gebildet. Gewisse Taten waren für mich eher nachvollziehbar, bei anderen hätte ich als Leserin gerne selbst das Urteil gefällt. Auch ein kleines Maß an Mitgefühl habe ich beim Lesen dem einen oder anderen Verbrecher gegenüber aufgebracht, da jeder Mensch für sich nur ein Resultat seiner bisherigen Erfahrungen und Kindheitserlebnisse ist. Warum sollte man dieses Buch lesen? Der Fokus dieses Buches liegt in der kompetenten Begutachtung der einzelnen Fälle und der psychologischen Analyse. Besonders die Aufklärung über die Verschiebung der Tatmotive, von Machtdemonstration zu „Kränkungstaten“ sensibilisieren den Leser und schärfen das Bewusstsein für unsere Umwelt und die eigenen Handlungen.

(verfasst von Manuela)

Buchinformationen

Prof. Haller - "Das Böse", Ecowin, 232 Seiten, ISBN 13- 9783711002488 

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