„Whisper Network“ von Chandler Baker

Ein großes Unternehmen und auf den ersten Blick der ganz normale Wahnsinn in Mitten des Büroalltages. Aber ist es wirklich „normal“ und unabänderbar, dass sowohl Sloane, Ardie als auch Grace seit Jahren unter ihrem Vorgesetzten Ames zu leiden haben? Plötzlich erreicht die Situation eine neue Dimension und Ames steht als neuer CEO zur Debatte. Können die Juristinnen zulassen, dass dieser Mann zum Chef der gesamten Firma wird? Und welche Rolle spielt in Mitten der unterschwelligen sexistischen Bemerkungen und Ames herablassenden Verhaltens gegenüber weiblichen Kolleginnen die Putzhilfe Rosalita?

Chandler Baker lässt „Whisper Network“ in dem natürlichen beruflichen Umfeld des Großteils der Bevölkerung spielen – in einem Großunternehmen mitten in den USA. Die Autorin durchleutet die verschiedenen Ansichten zu dem Geschehen und schafft durch den Perspektivenwechsel eine interessante Schilderung der Geschehnisse. Immer wieder springt Chandler Baker in die „Wir“-Form und erzählt aus Sicht der Frauen, die bei der bekannten Sportmarke in Dallas arbeiten. Obwohl ich des Öfteres das Gefühl hatte, dass mit „Wir“ vielleicht sogar sämtliche (berufstätige) Frauen gemeint sein könnten. Zwischen den Kapiteln liefert die Autorin Details aus der Zeugenbefragung nach Stattfinden der zentralen Geschehnisse und steigert somit kontinuierlich die Spannung.

Einer der Gründe warum „Whisper Network“ so großen Anklang bei mir findet ist die realitätsnahe und raffinierte Gestaltung der Protagnositinnen. Chandler Baker spricht mit den Juristinnen Sloane, Ardie, Grace und der Putzhilfe Rosalita im Grunde jede Art von Frau an. Es ist schier unmöglich sich nicht mit einer Kombination aus den auf Papier gebrachten Charaktereigenschaften und Schicksalen zu identifizieren und nachzufühlen. Die geschaffenen Frauenbilder verkörpern die alltäglichen Unsicherheiten, Sorgen, Unzulänglichkeiten und stellen außerdem ausgezeichnet den Kampf des weiblichen Eigen- vs. Fremdbilds dar.

Sloane ist willenstarke Führungskraft und gerade dabei die Karriereleiter weiter zu erklimmen. Sie würde sich meiner Meinung nach auch nicht mit weniger beruflichen Erfolg oder Stagnation zufrieden geben – typisch für sie ist es mehr zu wollen und sich genau das auch zu nehmen bzw. für ihre Ziele bis an ihre Grenzen zu gehen. Ardie scheint geerderter zu sein als ihre Freundin Sloane und entschied sich vor Jahren gegen eine alltägliche Geiselung ihrer Selbst mit ermüdenden Sporteinheiten und harten Diäten. Ebenso gibt sie sich damit zufrieden keine Führungsposition zu ergattern. Ardie scheint sich auf den ersten Blick etwas aufgegeben zu haben, allerdings wird schnell klar, dass sich einfach ihre Prioritäten verschoben haben. Sie vergöttert ihren Adoptivsohn und nach wie vor ihren Exmann, der sich leider für ein Leben mit einer anderen Frau und gegen Ardie entschied. Grace stellt oberflächlich betrachtet die perfekte Frau dar. Eine junge sehr gepflegte Mutter, die nicht nur ein sehr ansprechendes Äußeres und eine gut betuchte Familie sondern auch ein entzückendes Baby und einen wunderbaren Ehemann zu bieten hat. In Wahrheit trägt Grace einen unerbittlichen Kampf gegen sich selbst aus und kann gefangen in ihrer allumfassenden Müdigkeit und Mutlosigkeit weder ihren tollen Job noch ihr schönes Kind wertschätzen. Rosalita scheint auf den ersten Blick nichts mit den erfolgreichen und gut verdienenden Jurstinnen gemein zu haben. Es handelt sich um eine starke und vor allem stolze Frau, der im Leben nichts geschenkt wurde. Alles in Rosalitas Leben dreht sich um die Zufriedenheit und Zukunft ihres Sohnes, der auf dem besten Weg ist an einer privaten Schule ein Stipendium zu ergattern. Der Charakter dieser Figur weist in meinen Augen am meisten Vielfalt und Komplexität auf – Rosalita hat viel mehr an Mut und Durchsetzungsvermögen zu bieten, als es auf den ersten Blick scheint.

„Er trug noch immer die gleiche Uhr, gold-silbernes Metallarmband, das einmal einen Kratzer von der Länge ihrer Hand auf ihrem Arm hinterlassen hatte.“

Seite 257

Achtung Spoiler

An dieser Stelle möchte ich an einem Beispiel ausführen wieso ich so begeistert und überzeugt von der wirklich runden und plausiblen Gestaltung der Protagonistinnen bin. Chandler Baker verleiht Sloane die Aura eines Karriere-Hais ohne Rücksicht auf Verluste. Sie scheint sogar die Tatsache ihren Ehemann (wenn auch vor der Hochzeit) über einige Monate betrogen zu haben einfach abzuwinken und als nicht bedeutsam einzustufen. Auch als Ardie durch Zufall bewusst wird, dass sich Sloane mit ihrem Exmann und dessen neuer Partnerin trifft und ihr damit in den Rücken fällt, ist Sloane eher der Umstand lästig sich mit Ardies Verletztheit auseinander setzen zu müssen. Ihre eigenen Fehler und die daraus resultierenden Konsequenzen scheinen ihr kaum bewusst zu sein. Gerade als ich das Gefühl hatte, dass mir diese Protagonistin zunehmend unsympathisch wird, emfpand ich größten Respekt. Sloane hätte den geringsten Weg des Widerstandes wählen und eine sehr hohe Position innerhalb der Firma bekleiden können (und wenn ich ehrlich bin, war ich mir fast sicher, dass sie genau dieses Ziel verfolgen wird). Der dafür notwendige Egoismus fehlte der Juristin jedoch, sie entschied sich für den steinigen und unsicheren Weg und gegen die sichere Karriere und Stillschweigen.

„Sie hatte ihn schließlich ungestraft mit allem davonkommen lassen, was auch immer er treiben wollte. Wobei Sie möglicherweise nicht die Einzige war, fiel ihr nun ein. Nein, sie war nicht die Einzige. Bestimmt nicht. Auf keinen Fall.“

Seite 73

Fazit

Ich hatte vor „Whisper Network“ seit geraumer Zeit keinen Thriller mehr gelesen und war was Spannungslektüre anbelangt schon etwas ausgehungert – ich freute mich daher umso mehr auf diesen allseits gelobten Thriller zu einem der topaktuellesten Probleme in unserer Gesellschaft. Obwohl ich an dieser Stelle zugeben muss, zu Beginn etwas skeptisch gewesen zu sein. Ich war mir nicht sicher ob die Herangehensweise an die #MeeToo-Thematik mir und meiner Einstellung entspricht und mir gefallen würde. Zu oft schon habe ich zu Romanen gegriffen, die ein sehr hilfloses und mitgleiderregendes Frauenbild schufen mit dem ich nur wenig anfangen kann.

Und tja.. was soll ich sagen? Die Stories der sympathischen Damen aus dem „Whisper Network“ hatten mich bereits nach wenigen Seiten in den Bann gezogen und der Verlauf des Romanes förmlich umgehauen. Dieses Buch lässt den Leser den Atem anhalten, mit den Protagonistinnen mitfiebern und -leiden und einfach generell sagenhafte Lesestunden erleben. Danke Chandler Baker für diese andere Art von Thriller oder kurz gesagt –> Geniestreich! (An alle weiblichen Bücherwürmer da draußen: bitte unbedingt „Whisper Network“ lesen!)

–> Danke an unsere Lieblingsbuchhandlung HEYN für die Gelegenheit diesen packenden #MeToo-Thriller aus dem Heyne Verlag im Rahmen eines Gewinnspiels zu ergattern.

(verfasst von Simone)

Buchinformationen

Chandler Baker – „Whisper Network“, Heyne Verlag, 480 Seiten, ISBN: 978-3-453-27288-0

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